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Ich bin Animistin – Leben in Beziehung mit allem, was ist

„Alles lebt. Alles spricht. Alles ist verbunden.“
Diese einfache Wahrheit begegnete mir nicht in einem Buch. Sie kam zu mir durch das Rauschen der Bäume, das Spiel der Spatzen am Morgen, das leise Plätschern des Bachs, den Geruch nach einem Regen und ganz besonders in stillen Momenten in der Natur.

Wenn mich jemand fragte, woran ich glaube, sagte ich oft: an eine Kraft, eine allumfassende Energie, die in allem lebt – in der Erde, im Wasser, im Wind, in jedem Stein. Nicht an einen alten Mann im Himmel mit Bart. Für mich war es immer Mutter Erde und Vater Himmel, das sichtbare und das unsichtbare Leben. Ich wusste lange nicht, dass es dafür ein Wort gibt. Doch heute weiß ich: Ich bin Animistin.

Ursprung & Geschichte des Animismus

Der Begriff Animismus wurde im 19. Jahrhundert vom britischen Anthropologen Edward B. Tylor geprägt. In seinem Werk „Primitive Culture“ (1871) beschrieb er den Animismus als die älteste Form von Religion – ein Versuch früher Kulturen, Naturphänomene durch Geister und Seelen zu erklären.

Doch diese Sichtweise war stark kolonial geprägt: Tylor verstand Animismus als „naive Vorstufe“ moderner rationaler Welterklärungen. Heute wissen wir: Das war ein gravierender Irrtum.

Denn der Animismus war keine primitive Idee, sondern eine hochkomplexe, beziehungsorientierte Lebensweise. In fast allen traditionellen Gesellschaften war und ist Animismus kein Glaube im religiösen Sinn, sondern eine alltägliche Praxis des Lebens in Verbindung. Menschen lebten im Austausch mit den Kräften, Tieren und Wesen um sie herum – respektvoll, rituell und oft mit tiefer Dankbarkeit.

Was bedeutet Animismus?

Animismus ist keine Religion, kein Dogma, kein Glaubenssystem. Es ist eine Haltung dem Leben gegenüber – eine Art zu sehen, zu fühlen und zu handeln.

In einem animistischen Weltbild ist alles beseelt: die Bäume, die Steine, der Regen, der Wind. Es gibt keine „tote Materie“. Stattdessen eine Welt voller Beziehungen, in der jedes Wesen eine eigene Würde, ein eigenes Wesen, einen eigenen Klang hat.

Animismus fragt nicht: „Was nützt mir diese Pflanze?“ – sondern: „Was verbindet mich mit ihr?“
Er fragt nicht: „Wie kontrolliere ich die Natur?“ – sondern: „Wie kann ich zuhören, lernen, in Beziehung treten?“

Jedes noch so kleine Insekt ist wichtig. Ein Eingriff in die Natur und ist er noch so klein, kann große Auswirkungen haben. Bevor man etwas nimmt, vergewissert man sich, dass man es wirklich braucht, bedanke sich und überlegt, wie man es doppelt zurückgeben kann.

Animismus ist durch und durch regenerativ.

Eine uralte Weltsicht

Schon unsere Vorfahren in der Steinzeit lebten animistisch. Sie kannten keine Trennung zwischen Körper und Geist, zwischen Mensch und Natur.
In indigenen Kulturen weltweit – von den San in Afrika bis zu den Ainu in Japan, die Hopi in Utah – war und ist es selbstverständlich, dass Tiere, Pflanzen, Flüsse, ja selbst Worte und Träume ihre eigene Lebenskraft haben.

Die westliche Moderne hat diesen Blick verloren. Stattdessen gibt es nur noch Trennung, Beherrschung, Ausbeutung.

Und nun? Stehen wir an einem Punkt, an dem die Erde unter unserer Entfremdung leidet – und wir mit ihr. Wir fühlen uns oft entwurzelt und einsam.

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Die Rückkehr des Animismus

Heute beginnen viele Menschen, sich wieder zu erinnern.
Die Wissenschaft entdeckt langsam das wieder, was andere Kulturen nie vergessen haben:

  • Dass Pflanzen kommunizieren und sich gegenseitig warnen.
  • Dass Pilze ganze Ökosysteme organisieren, wie neuronale Netzwerke.
  • Dass Tiere individuelle Persönlichkeiten haben.
  • Dass Wasser auf unsere Gedanken reagieren kann (vgl. Masaru Emoto).

Forscher:innen wie Robin Wall Kimmerer oder Andreas Weber sprechen von der „poetischen Ökologie“ – einer Sichtweise, die nicht trennt, sondern verbindet. Genau hier schließt sich der Kreis: Wissenschaft und Spiritualität sind keine Gegensätze. Sie sind zwei Sprachen für ein großes, lebendiges Miteinander.

Warum ich Animistin bin

Ich bin Animistin, weil ich mich nicht über die Natur stelle, sondern in ihr stehe – als Teil des Ganzen.
Ich bin Animistin, weil ich glaube, dass jede Pflanze, die ich ernte, ein Geschenk ist.
Ich spreche mit meinen Blumen.
Ich bitte die Bäume um Rat.
Ich bedanke mich, wenn ich Wildkräuter pflücke.
Leben – egal welches – ist für mich heilig.

Für mich ist Animismus kein „Glauben“, sondern ein Zuhausegefühl. Ich bin mit dieser Erde verbunden, bin ein Teil von ihr.
Es ist der Moment, in dem der Wind mir eine Antwort gibt, auf eine Frage, die ich nicht laut ausgesprochen habe.
Es ist das stille Nicken des Universums, wenn ich die Hand auf die warme Erde lege.
Es ist das Loslassen und das Urvertrauen in das Schicksal. Das Vertrauen bestimmte Erfahrungen machen zu müssen.
Nicht mehr kämpfen müssen, sondern danach richten was richtig und natürlich ist.

Der einfache, vernunftgeleitete Pfad ist auch der nachhaltigste und konfliktärmste. – Mark Aurel

So lebe ich Animismus im Alltag

  • Ich höre zu, bevor ich handle.
  • Ich bedanke mich für das, was mir gegeben wird – Nahrung, Wärme, Licht.
  • Ich gestalte meinen Garten so, dass er Lebensraum ist, nicht nur für mich, sondern für Pflanzen, Vögel, Insekten, Pilze, Regenwürmer.
  • Ich übe mich im achtsamen Umgang mit Dingen – denn auch sie sind getragen von Energie.
  • Und ich suche immer wieder die Stille, denn dort spricht, was man sonst nicht hört.

Das Leben, das Umfeld bekommt eine ganz neue Qualität und Tiefe. Der Moment wird magisch, so belanglos er auf Außenstehende auch sein mag. Jede Handlung wird wichtig und wenn es nur das Gießen der Pflanzen am Morgen ist oder das Umblättern einer Buchseite.

Die Hopi sagen, dass in der zweiten Welt die Menschen in Harmonie mit der Natur lebten, es herrschte eine tiefe Verbindung zwischen allen Lebewesen, wir konnten mit den Tieren kommunizieren. Manchmal habe ich das Gefühl diese Verbundenheit noch in mir zu spüren. Wir sprechen nicht mit Worten, sondern durch Emotionen und Gedanken. Oft reagiert mein Hund, bevor ich die Worte ausspreche.

Ein stiller, poetischer Schluss

Manchmal stehe ich einfach nur da.

In der Früh, wenn das Licht die Gräser küsst.

Ich höre den Ruf einer Amsel, das Summen eines Käfers, das Flüstern einer Königskerze.

Und in all dem spüre ich:
Ich bin nicht allein. Ich bin verbunden.

Und dann weiß ich wieder:
Ich bin ein Teil des großen Weltenplans.

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